Andreas Fagetti

Spallo Kolb lebt und arbeitet in einer Montageleitungsbaracke auf einem Industrieareal am Rande von Widnau, einer Siebentausend-Seelen-Gemeinde im St.Galler Rheintal. Die Baracke liegt unweit der Landesgrenze, über die Spallo Kolb manchmal in sein Wiener Atelier flieht. Derzeit aber verbringt er seine Zeit auf dem Viscose-Areal in seinem "bauphysikalischen Laboratorium" – und plant Häuser. An einem einer Bauten – einem Einfamilienhaus "case luz",das an eine seiner Skulpturen erinnert – kommt vorbei, wer ihn besucht.
In der Baracke verschränken sich Arbeits- und Wohnwelt: Vor einem vom Künstler entworfenen und gebauten Ofen aus Stahlplatten breitet sich ein schweres Bisonfell aus, hinter dem Ofen das einfache Nachtlager. Auf dem Esstisch räkelt sich der verspielte Kater Gris-Gris. Gleich neben dem Tisch die Arbeitsecke – Computer, Bücher, Ordner, grosse Arbeitsfläche. Hinter der Baracke zwei Geissen als Vorsorge gegen die Vergandung. Die eigensinnigen Tiere machen sich an der Rinde der jungen Eschen zu schaffen, die hier überall aus dem Boden schiessen. Die Adresse der bescheidenen Behausung inmitten eines Areals, das sich im Umbruch befindet, ist so minimalistisch wie das künstlerische Vokabular, dessen sich der 44-jährige Künstler und Architekt bedient: Viscosestrasse. Seine Installationen und Objekte tragen technische, mitunter poetische Namen: "Installation", 1986, oder "Floating Cube", 1997, Stahl 3/3/3 m. Der Künstler bedient sich der Materialien Beton, Silikon, Asphalt, Glas, Zink. Aber eigentlich geht es ihm gar nicht so sehr um die Formung des Materials, vielmehr interessiert ihn die Wirkung physikalischer Kräfte auf das Material – darin werden die Naturkräfte sichtbar. Dieses Spiel der Kräfte zerrt am Rheintaler. Der an einem Stahlseil festgemachte Floating Cube ist ein Beispiel: Der Stahlkubus treibt im Rahmen der RheinArt 1997 einige hundert Meter von Kolbs Baracke entfernt im Rhein – als Spielobjekt der Strömung.
Spallo Kolb ist eine widersprüchliche Erscheinung. Der scheinbar kühle Mensch mit dem Habitus eines Geometers erscheint im nächsten Augenblick als Inkarnation eines warmherzigen tibetischen Mönchs. Die Welt der kalten Technik im Wechselspiel mit der – wenn man so will – warmen Natur, das ist gewissermassen ein biografisches Grundmuster.
Spallo Kolb wurde am 13. September 1959 in Appenzell als Sohn eines Rheintaler Elektroingenieurs und einer Bauerntochter geboren. Die Sommermonate seiner Kindheit verbrachte er auf dem Hohen Kasten bei seinen Grosseltern. Sie wirteten dort oben, hoch über dem Rheintal, 1795 Meter über Meer. Dort, wo die breite Felsschulter senkrecht in die Tiefe fällt, geht der Blick ins Alsteingebiet. Eine Seilbahn gab es damals noch nicht. Maultiere trugen die Vorräte von Brülisau herauf. Der Regen spendete Trink- und Kochwasser, am Küchentisch sassen Mägde und Knechte. Der Bub bewegte sich unter den Gästen, schweifte mit seiner Geiss unbeaufsichtigt umher, begleitet von den kurzen, schrillen Schreien der Dohlen. Die einfache, ja fast kahle Bergwelt über der Waldgrenze hat Spallo Kolbs Wahrnehmung beeinflusst: Seine Skulpturen, Objekte und Bauten sind extrem reduziert.
Aus dieser Welt der frühen Kindheit, in der sich die archaische Lebensweise einer überkommenen bäuerlichen Welt mit der komplexen technischen Welt des 20. Jahrhunderts überkreuzt, wird er druch den Schuleintritt herausgerissen, wird hineingeworfen in die Kleinfamilie in Widnau und konfrontiert mit der Welt des Vaters, der als Unternehmer und Ingenieur Hochspannungsanlagen baut – und Freileitungen. Diese andere Welt zieht ihn an, stösst ihn ab. Jedenfalls absolviert er später eine

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Lehre als Elektrozeichner für Hochspannungsanlagen – mit Ach und Krach, sagt er. Die penible technische Zeichnerei empfindet der junge Mann als Strafaufgabe. Hochspannung der ganz anderen Art.
So wie die Erfahrungen der frühen Kindheit sein späteres künstlerisches Schaffen beeinflussen, so beeinflusst auch das Spiel der physikalischen Kräfte, wie sie im Freileitungsbau zu beobachten sind, sein Werk mindestens so stark – die schweren Tragseile, die mächtigen Masten, die gewaltigen Betonsockel. Während seines Studiums an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien arbeitet Spallo Kolb immer wieder als Freileitungsmonteur, sucht in Schwindel erregender Höhe über Gletschern und felsigen Schründen das diffizile Gleichgewicht.
Und nun also LandArte. Ein Pflanzenbild im geometrischen Flickenteppich der meliorierten Rheinebene. Sichtbar nur aus grosser Höhe, unsichtbar aus der Nähe, selbst wenn die Betrachter versucht haben sollten, es von den nahen Anhöhen aus zu finden. "Richtung bestimmen" nennt es Kolb. Drei Felder bei Kriessern, streng in der Ausrichtung Nord-Süd angelegt. Die Felder durchbrechen das Muster und machen so die Willkür menschlicher Gestaltung sichtbar. In eines der streng ausgerichteten Felder bricht ein anderes, malt grün ein Miniaturdeieck ins beige Feld: Grenzverletzung. Ein Bauer nämlich wollte nicht mitmachen. Auch hier wird, wenn auch zufällig, eine unsichtbare Kraft sichtbar: die Kraft des Eigentums, eine sozial bedingte Kraft. Das Zeichen enthält eine anarchische Botschaft: Eigentum als Willkürakt.
In dieser Arbeit werden auch die biografischen Muster des Künstlers visualisiert: der Wille zum extrem reduzierten Ausdruck neben der ganzen Fülle der unbeherrschbaren Natur.

Erschienen in "LandArte – Kunstwerke sprengen Dimensionen", Benteli , Bern 2004