maßstab 1:1
katalog "to go" in zeitungsform...

eckdaten zum projekt / selbstversuch:

projekttitel:
wie nennen sie das projekt? viscose.ch

ort:
location / adresse viscoseareal ch-9443 widnau
an welchem ort findet / fand dieser selbstversuch statt?
welches ist der primaere schauplatz des experiments?

zeitraum:
wie lange war die planungs-/ entwurfs-/konzeptionsphase? rollende entwicklung 1999-ca. 2009
wie lange dauert/e die realisierung?
seit wann und wie lange laeuft/lief dieser selbstversuch?
wieviel zeit verbringen sie ungefaehr an diesem ort / mit diesem projekt? ein job 100 std / pm
(angaben in stunden / tagen /jahren)

 

beteiligte / credits:
wer war/ist daran noch beteiligt?
freie mitarbeiter (meist kuenstler im nebenerwerb)
in welchen rollen/ funktionen/ formen? ausfuehrung der bauten

 

dimensionen/groeßenordnung des projekts: 
grundflaechen 6000-8000 m2
bebaute flaechen 1200m2
nutzflaechen dito 800m2 wohnanteil / 400 ateliers werkstaetten
gewicht
abmessungen

verwendete materialien:
welche materialen kommen bei diesem selbstversuch hauptsaechlich zum einsatz?
industrielle halbfertigprodukte stahl glas beton, holzelemente

effekte:
wer profitiert von ergebnissen und erkenntnissen dieses selbstversuchs? die bewohner, das dorf, die oertliche architektur/szene, design als nebenprodukte, kuechen, waschtische, moebel, ich und meine familie als bewohner des lokomotivdepots.

spallo kolb (*1959)

seit rund 20 jahren experimentiert der bildhauer, designer und architekt nicht nur mit skulpturalen koerpern, sondern auch mit neuartigen bau- und lebensformen. nach reisen und studienaufenthalten im ausland lebt spallo kolb heute mit seiner frau und zwei kindern wieder in widnau, einer gemeinde mit 8000 einwohnen im kanton st.gallen. sein projekt "viscose" zur revitalisierung der dortigen textil-verarbeitungsstaetten repraesentiert nicht nur die summe seiner erfahrungen im umgang mit industriellen materialien und architekturen, sondern kann auch als soziale skulptur betrachtet werden, in sich kolbs vorstellungen von kunst, architektur und leben ebenso unpraetenzioes wie praezise niederschlagen.
das in den verschiedenen gebaeudetypen des areals erprobte system der "einraum-wohnung" sowie deren neuartiger materialeinsatz bewaehrt sich auch in einer reihe von umbauten und einfamilienhaeusern, die kolb in wien und widnau realisiert hat.

selbstversuch spallo kolb (widnau, schweiz)

versuchsanordnung:

zentrale fragestellung:
kann man industrieruinen bewohnen?

allgemeines forschungsinteresse:

wie laesst sich ein ehemaliges industrieareal fuer wohnzwecke nutzen und organisch revitalisieren?

ausgangslage:

die hauptsaechlich kulturindustrielle nachnutzung unrentabel gewordener industrieanlagen wird
an vielen orten in europa mit unterschiedlichem erfolg praktiziert. ein kennzeichen der konzepte, die entweder mehr auf die inszenierung und vermarktung des spektakulaeren oder mehr auf nachhaltige nutzung setzen, liegt nicht nur im fokus auf kultureller produkion, die die industrielle erfolgreich abloesen soll, sondern auch in ihrer groessenordnung und projektstruktur: es handelt sich meist um staedtebauliche initiativen oder um revitalisierungsprogramme fuer kommunen oder ganze regionen, die deshalb leicht den charakter von "revolutionen von oben" annehmen.
relativ wenig erfahrungswerte gibt es hingehen mit privaten eigeninitiativen, die ausgehend von konkreten objekten einen bottom-up ansatz verfolgen. noch seltener sind beispiele, die die bewohnbarkeit ehemaliger industrieareale ueberzeugend belegen.

hypothese:

angesiedelte oder aufgelassene industrien hinterlassen ruinen, die im normalfall abgebrochen werden.
stelllt die groesse dieser ehemaligen produktionsstaetten einen hinderungsgrund oder eine attraktion dar, so werden sanierungs –und revitalisungsmassnahmen getroffen, die entsprechende mittel erfordern.

die alternativen abbruch und totalsanierung erweisen sich als inadaequat, wenn es um die erhaltung und erneuerung von kleineren objekten und anlagen geht, die ua. auch fuer wohnzwecke genutzt werden koennten.

ein system von relativ autonomen wohnmodulen, die wie einbauten im ausgehoehlen bestand stationiert werden, sorgt nicht nur fuer zeitgemaessen wohnkomfort, sondern darueberhinaus fuer besondere wohnerfahrungen.

die bewohnbarkeit einer ehemaligen viscose-fabrikationsanlage am rande der schweizer gemeinde widnau, unweit der oesterreichischen grenze testet der bildhauer und architekt spallo kolb in einem selbstversuch,
der seit dem jahr 1999 an verschiedenen schauplaetzen des areals laeuft.

 

 

 

ausstellungen auswahl, kunst im oeffentlichen raum

1983 symposion schloss parz, austria ( g / k )
1986 galerie amer, wien ( e )
galerie stadthausgasse schaffhausen ( e )
schweizer plastikausstellung biel ( g / k )
1987 galerie rem wien ( e )
ziegelei appenzell ( e )
junge kunst sehen, landesmuseum zuerich ( g / k )
helvet art, st.gallen ( g / k )
1988 30 junge schweizer bildhauer, seedamm kulturzentrum ( g / k )
1989 galerie e, zuerich ( e )
eisen 89; zuerich ( g / k ) stehen & schwimmen, zwei kuben,
stahl je 3/ 3/ 3 m
1990 steinfelshalle zuerich ( e )
hard working week, kunsthalle st. gallen ( coop g. forster )
1991 skulpturenweg baden – wettingen, kubus pendent ( g / k )
publikation buch kubatur, isbn 3-9520132-0-x
kunsthalle wil ( g / k / v )
1992 kunstraum freihaus, wien ( e / v )
clearing, krems chemie ( coop herwig mueller )
heimspiel, bar und installation, balgach
kulturzentrum kammgarn schaffhausen ( coop m. haeberli )
1993 kolb, lessing, walch, bregenzerwald
art terminal one, tausend meisterwerke, wien – new york
1994 bild & skulptur galerie thurnherr, au
1996 lektion 5, installation, rebstein
loco, kunsthalle exnergasse, wien ( kolb, mueller, stueckler
liegen & stehen: zweiteilige skulptur stahl roh / verzinkt walzenhausen

licht ist farbe, monochrom tranparente verglasung, schule grabs.
1998 schwimmer fuer schwimmer, grauholz, lorrainebruecke, bern
1999 museumsquartier wien, unsichtbare architektur ( g / k )
2001 anstadt, st. gallen ( g / k )
aua extrema, expo 02
2002 artcanal, le landeron ( g / k )
kunsthalle arbon ( e )
2003 landarte 200 jahre kt. st. gallen ( k / v kuno bont )
2004 jetzt kunst, 40 bildhauer, schuepfen, bern
2006 massstab 1:1, architektur im selbstversuch, kunsthaus muerz ( g )

( e ) einzelausstellung
( g ) gruppenausstellung
( k ) katalog
( v ) video / film

interview spallo kolb
am 5.10.2007
sk: spallo kolb
cm: christian muhr

cm: wir fuehren dieses interview an einem sehr  ungewoehnlichen ort,  naemlich in der lokomotivhalle einer ehemaligen viscose-fabrik. diese halle stammt aus dem jahre 1928 hat bis vor 10 jahren als funktionsgebaeude gedient. heute lebst du hier mit deiner frau und zwei kindern. das ist verblueffend und ein zeichen dafuer, dass man sehr wohl in so einem riesigen gebaeude  wohnen  kann. welche qualitaeten konntest du hier finden und nutzen?

sk: ich habe immer in sehr speziellen raeumen gewohnt. wahrscheinlich bekommt man immer das, was man sucht. angefangen hat es mit einer ehemaligen schokoladefabrik in wien, die in total desolatem zustand war. waehrend meines studiums in den 80er jahren hatte ich die idee, dass man darin wohnen koennte. ich bin eingezogen, obwohl es weder strom noch wasser gab. zurueck in die schweiz im jahr 1995 bin ich in ein altes gespensterschloss gezogen, das ich im rahmen eines wettbewerbes kunst am bau von einer stiftung uebernehmen konnte.

cm: du bist jemand, der offensichtlich wenig angst hat, wenn er einen ort sieht, den viele andere fuer ungeeignet  halten wuerden, um dort zu wohnen.
das war auch der grund, warum du die courage hattest zu sagen: "hier laesst sich wohnen!"  als du diese fabiksanlage entdeckt hast,  die allmaehlich abgesiedelt wurde. 

sk: das  ging nicht so schnell. es ist ein gewisser mut vorhanden, architektonische objekte anzugehen, von denen andere sagen wuerden, dass sie ruinen sind. dieses denken habe ich mir abtrainiert, wenn du so willst. lacht das konnte ich jedoch nur, solange ich alleine gelebt habe. auf einer baustelle leben und im liegestuhl schlafen, das kann man nur ohne kinder machen. 

cm: was hat dich daran gereizt?

sk: der reiz lag fuer mich in der nonkonformitaet und das in diesen gebaeuden alles erlaubt war. man kann dort tun und lassen was man will. vielleicht ist das meine vorstellung von romantik.

cm: diese bauten haben eine spezielle atmosphaere. ist es das extreme, was dich daran reizt? es kann ja auch extrem unkomfortabel sein, extrem kalt, extrem nass.

sk: ja, ich brauche dieses experiment. auch in der kunst habe ich immer wieder diese grenzen gesucht. ich gehe auch immer wieder mit der statik an die grenze. energietechnisch ist es - wie du siehst - auch eine gratwanderung. aber sie funktioniert.

cm: in deiner biografie erscheint es als logische entwicklung, dass du dich an großen dingen versuchst, unter einsatz deiner ganzen person mit haut und haaren.
du hast hier demnach keinen friedhof der industriegeschichte gesehen sondern volumina, die eine sehr spezielle atmosphaere besitzen und die guenstig zu haben waren.
was war dabei die groeßte herausforderung respektive das groeßte problem fuer den architekten in dir?

sk: ich habe mich durch die bauphysik durchgedient, indem ich zuerst in der montageleitungsbaracke gewohnt habe. auch wieder ohne wasser und ohne strom und ohne isolation. so habe ich mir die bauphysik von unten her erschlossen. mit dem einrichten eines bauphysikalischen laboratoriums habe ich die ganze geschichte verfeinert. mit ingenieuren habe ich heizleistungen berechnet um die gefahr des scheiterns zu reduzieren. in weiterer folge habe ich mich an das lokomotivdepot gewagt. 

cm: diese besiedlung ist sukzessive erfolgt und hat sich auch im maßstab entwickelt. was heißt eigentlich bauphysik an diesem ort?

sk: es geht in der bauphysik, wie ueberall um  ein zusammenspiel. es gibt in dieser lokomotivhalle den waermeeintrag von der sonne, dabei nimmt ein schwarzer betonboden die waerme auf und gibt sie ueber nacht wieder ab. verbrauchte warme raumluft steigt auf und wird hinten am hoechsten punkt abgesaugt. sie geht dann ueber die waermerueckgewinnung und die waermepumpe wieder nach draußen. die zuluft wird zuerst dreißig meter in der tiefe von 1,50 metern durch das erdreich durchgezogen, wodurch temperaturspitzen, seien sie jetzt positiv oder negativ, gebrochen werden. im sommer wird die luft gekuehlt und im winter erwaermt. mit 16 oder 17 grad celsius kommt sie wieder ins gebaeude. jetzt muss man nur noch vier grad heizen. das funktioniert ueber die großen betonplatten, die heizkoerper sind und die masse. das gebaeude ist peinlich isoliert und absolut luftdicht, damit die kontrollierbarkeit gewaehrleistet wird.

cm: wenn man das gebaeude betrachtet, sind es reduzierte, bewusst gesetzte maßnahmen, die diese raeume auszeichnen. vom komplexen "heiz-backstage" merkt man eigentlich nichts. an dem entscheidet sich jedoch alles, rein klimatechnisch.

sk: genau darin besteht  die herausforderung. die waende sind alt und teilweise noch so, wie ich sie angetroffen habe. diese dachkonstruktion sieht man sonst nur in kirchen. die ganze technik ist in dem sinn nicht ablesbar. in modernen passivhaeusern ist dieser charme des musealen charakters weg. das wollte ich jedoch unbedingt erhalten.

cm: das know-how hast du dir auch in anderen gebaeuden auf diesem areal erarbeitet. die raeume sind alle sehr groß und haben entsprechende flaechen. wie kann man sie dennoch auf oekonomische weise besiedeln?

sk: ich habe eine serie von "implantaten" entwickelt die ich "cases" nenne . es sind holz- betonkisten, die ich in eine bestehende bausubstanz hinein schiebe. die idee ist in der schokoladenfabrik in wien entstanden. ich bin im februar eingezogen und es war eiskalt. das gebaeude hat geknackt, weil es gefroren war. ich hatte tatsaechlich ein zelt in diesem raum, um die vitalen funktionen zu erhalten. so kam es zum haus im haus oder zur huelle in der huelle oder zur kiste in der huelle. es kam mir sehr entgegen, dass ich diese formen erkannt habe. so ist eine klar ablesbare und konstruierbare kubatur entstanden, die man gut berechnen kann. durch das abstimmen der parameter kann man ein angenehmes wohnklima schaffen.

cm: hier in der viscose-fabrik gibt es ja auch zweistoeckige boxen. man kann dort auch ueber zwei etagen wohnen.

sk: jede raumzelle im sogenannten "unterwerk" hat davor einen transformator beinhaltet, jetzt enthaelt sie  jeweils eine wohneinheit. das sind drei wohneinheiten, die je dreizehn meter tief, fuenf meter hoch und sechs meter breit sind. diese maße stellen das maximum einer kiste dar. groeßer geht es nicht mehr, weil man in weiterer folge mit waenden arbeiten muesste . das konventionelle haus ist ja eigentlich auch eine kiste aber nicht mehr transportabel und demontierbar. 

cm: eine spezialitaet von dir ist die neuartige verbindung von beton und holz in diesen kisten.

sk: ja, aber auch glas und stahl gehoeren dazu. stahl ist dazu geeignet, statisch große momente abzufangen. man kann große spannweiten mit relativ feinen dimensionen bewaeltigen. das ist beim holz schwieriger. holz hat bauphysikalisch ganz andere, aber auch sehr gute eigenschaften. diese plattform hier ist von unten gesehen aus holz, von oben aus beton. ich habe das holz im stahlrahmen als verlorene schalung verwendet um nachher den beton hineinzugiessen. dort hinein sind die heizungsrohre gekommen, insgesamt wurden 1500 meter rohre im haus verlegt. im beton bringt die  niedertemperaturbodenheizung die waerme ein. das schoene an der architektur ist erstens die ablesbarkeit der handgriffe und zweitens der einsatz der materialien nach ihren qualitaeten. ein teppich waere der tod der bodenheizung, industrielle oberflaechen machen einen sinn.

cm: diese implantate sind ja keine fremdkoerper. sie funktionieren, weil sie durch ihre materialwahl das industrielle spuerbar lassen.

sk: es stellt sich die frage, wie viel industrie ein wohnraum vertraegt.  ab wann gibt es ein bedrohliches moment? das ist gefuehlssache. das einfamilienhaus case luz  habe ich beispielsweise nur aus industriematerialien gebaut. durch die vielen holzoberflaechen in den "cases" kommt nie ein beaengstigendes element durch, sondern das gemuetliche! lacht

cm: wo hast du am meisten die haerten dieses versuchs gespuert?

sk: ich habe mich finanziell verausgabt. bis das projekt begonnen hat, sich selbst zu tragen, war die luft in allen bereichen duenn.

cm: du bist als pionier eingezogen und hast enorme energie in dieses projekt gesteckt.  wie sieht deine zukunt aus?

sk: in einer totalen industriezone haette dieses projekt keine zukunft. man musste beginnen, das gebiet  umzunutzen um eine wohnzone daraus zu machen. das ging nur mit viel ueberzeugungsarbeit mit den behoerden der gemeinde und des kantons. es wurde ueberhaupt das erste mal in st. gallen ein derartiges projekt bewilligt um auf einem reinen industrieareal wohnmoeglichkeiten zu schaffen. mittlerweile bin ich froh, dass die gemeinde diesen gruenstreifen hinter dem haus gekauft hat. der alte baumbestand macht eigentlich den großteil die qualitaet des gelaendes aus – er umschließt das projektgebiet wie eine insel. es ist ein staedtebauliches thema, wie man etwas erschließt. in mexiko zum beispiel sind es die armen, die zuziehen und favelas bauen. spaeter werden sie zwangsweise mit wasser und strom erschlossen. wie geht man aber in einem industrieareal in mitteleuropa vor? die unterstuetzung der revitalisierung durch die  behoerden gab mir viel rueckenwind. 

cm: du kannst heute hohe wohn- und  lebensqualitaet zu einem guenstigen preis bieten. es haette auch passieren koennen, dass du als einsamer  pionier endest. jetzt ist aber ein soziales projekt daraus geworden. wie viele leute leben hier zur zeit ?

sk: fuenfzehn.

cm: ist das areal dadurch komplett besiedelt?

sk: nein. der anbau an das ehemalige gaertnerhaeuschen steht noch bevor. das wird ein wohntrakt, in den drei personen einziehen. hier hinten habe ich noch platz fuer zwei bis drei objekte. dann denke ich, dass das dorf im dorf fertig ist.

cm: wer zieht hier ein? wie funktioniert das?

sk: das funktioniert lustigerweise nie ueber inserate, sondern ausschließlich ueber mundpropaganda. die leute melden sich von selber, wenn etwas frei wird. interessanterweise melden sich immer die richtigen leute.

cm: wie lange ist es her, dass du das erste mal hier auf dem areal gestanden bist?

sk: im jahr 1997 und damals war die fabrikation noch im gange. ich hatte zunaechst mein buero hier . der rest hat sich ergeben, weil mir damals meine wohnung gekuendigt wurde.  das war uebrigens auch ein witziges haus, ein ehemaliges feuerwehrdepot.

cm: du bist damals nicht mit dem entwicklungs- und investorenblick durchgegangen aber heute besitzt das projekt dennoch eine oekonomische basis.

sk: ich hatte immer schon den wunsch dieses lokomotivdepot zu bewohnen. als sie noch in betrieb war, habe ich kundgetan, dass ich gerne bereit waere,  dieses haus zu kaufen sollte der bahnbetrieb einmal eingestellt werden. dann gab es allerdigs noch die kluft zwischen wollen und koennen. moeglich war mir der kauf nur, weil ich bereits realisierte bauten vermieten konnte. durch die umwidmung ist der wert des areals gestiegen und deswegen bekomme ich auch jetzt leichter geld als am anfang. schoen langsam komme ich in den gruenen bereich.

cm: du hast deinen selbstversuch auf diese weise verallgemeinern koennen. es gibt menschen, die hier mit dir leben. deine lebensweise und deine architektonische visionen haben sich auf andere uebertragen lassen.

sk: ich moechte nicht mehr zurueck in das klassische dorf. wer hat schon einen wald hinterm haus, obwohl er im industrieareal wohnt? wer hat mindestens zwanzig bis dreißig meter abstand bis zum naechsten haus?

cm: es ist hier auch etwas laendliches, baeuerliches  spuerbar. du haeltst zum beispiel wildschweine und es ist nicht jeder millimeter des gelaendes funktionalisiert. zugleich sind wir aber relativ nah am ortskern.
es gibt auch die qualitaet des undefinierten.

sk: die wiese waechst bis zum haus. es gibt hier keine gaerten. ich habe wohl den mietern gestattet ihre gaerten anzulege, aber es existieren keine zaeune. meine ziegen fressen das gras bis ans gebaeude. es gibt keinen zwang und dennoch haben die mitbewohner diese qualitaet erkannt und tragen dazu bei.
ein haus, das in einem solchen umfeld  liegt, bietet eine andere intimitaet des wohnens. wer hat schon eine fuenf meter lange und drei meter hohe glasfassade vor dem schlafzimmer? das kannst du dir nur erlauben, wenn nachher fuenfzig meter lang nichts kommt. diese offenheit waere in einem  einfamilienhausgebiet nicht moeglich.

cm: dadurch gibt es diesen tonus der freiheit, den man hier spuert?

sk: genau. wenn du jetzt durch eine einfamilienhaussiedlung gehst, dann siehst du das modell toskana neben einem bauhaus-kubus. sie agieren mit grenzabstaenden von zwei mal fuenf metern und das kann eigentlich nicht gut gehen. rein formal geht das nicht und von den bewohnern her geht das auch nicht. hier kann ich anders agieren. schoen waere, wenn alle das unvorhersehbare element erleben und sehen koennten. seit ich hier bin, beobachte ich, dass die zeitgenoessische architektur beginnt, sich in die richtige richtung zu entwickeln. was mein energiekonzept von 1996 betrifft, das ist mittlerweile schon ein allgemeinplatz geworden. das ist auch richtig so. andere wohnformen tun dringend not.

cm: was waere, wenn ein investor kaeme und diesen versuch noch einmal wiederholen moechte?

sk: alles braucht seine kontinuierliche und natuerliche entwicklung. mit einem ueblichen investor koennte das nicht funktionieren. wie finden sich die bewohner zusammen? dafuer gibt es auch kein konzept. deswegen ist das auch nicht eins zu eins uebertragbar. schoen waere es, wenn diese qualitaeten, die hier gelebt werden, auch ausserhalb aufgenommen wuerden.  das ist mein ziel. 

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